Where are the ladies? Ein feministischer Blick auf männerdominierte Podcasts


Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört es, zu stricken und dabei feministische Podcasts zu hören. Ganz oben auf der Liste stehen dabei der sehr schöne US-amerikanische Podcast Call your Girlfriend und die deutsche Sendung Der Lila Podcast. Ich finde es immer besonders interessant, amerikanischen und deutschen Feminismus zu vergleichen, da ich in Deutschland aufgewachsen bin, aber meine "feministische Sozialisation" mehr oder weniger komplett englischsprachig war. Die beiden Mädels vom Lila Podcast sprachen in einer der letzten Folgen über einen Blogpost (hier in ganzer Länge zu lesen), in dem ein männlicher Podcaster und Journalist darüber nachdenkt, warum bei ihm in der Sendung noch nie eine einzige Frau gesprochen hat. Er schreibt:

"[...] seit einiger Zeit zeigt sich ein Phänomen, das mir mehr und mehr zu schaffen macht: Wo sind eigentlich die Frauen? – Acht zu Null, das ist die Quote, so stellt sich das Geschlechterverhältnis hinsichtlich meiner Gäste dar. Vollkommen berechtigt erhielt ich dazu in der letzten Woche kritisches Feedback über Twitter."

Im Anschluss gibt er uns Einblick in seine Vorgehensweise:

"Insgesamt habe ich 34 Personen in der gesamten Zeit angefragt, davon gingen 20 an Männer, 14 an Frauen. Ich erhielt neun Zusagen von Männern und eine von Frauen. Ein Termin mit einem männlichen und einem weiblichen Gast hat aus Termingründen nicht geklappt. Ich frage mehr oder weniger standardisiert an. Alle Angefragten erhielten somit praktisch den gleichen und aus meiner Sicht typisch sachlichen Anfragetext."

Um dieser Problematik entgegenzuwirken, fragt er nun vermehrt Frauen an. Zusätzlich möchte er gerne Meinungen, Erfahrungen und Ratschläge seiner Hörer*innen und Leser*innen sammeln. Da der Blogpost mittlerweile einige Monate alt ist, habe ich darauf verzichtet, einen Kommentar unter den Text zu schreiben; da ich die Problemstellung aber sehr interessant finde, habe ich mich hingesetzt, über Anworten nachgedacht und eine fiktive Antwortmail geschrieben.

Hallo Nicolas,

vielen Dank für Deinen Post bei 4000hertz! Ich finde es extrem wichtig, diesen Fragen nachzugehen und ich finde es gut, dass Du Dich der Kritik an Deiner Sendung so offen stellst.

Vorweg: Ich pauschalisiere stark in „Männer“ und „Frauen“, möchte aber klarstellen, dass damit natürlich NICHT jeder Mann und jede Frau gemeint ist, sondern meiner Meinung nach weit verbreitete Verhaltensmuster und Strukturen.

Das Problem, das Du beschreibst, ist weit verbreitet und fest verankert in problematischen Geschlechterrollen und den daraus resultierenden Ungleichheiten. Wenn sich Menschen fragen, was ist das eigentlich, dieses Patriarchat? - hier ist eine Antwort (von unendlich vielen): Die Tatsache, dass Männer häufig keinerlei Probleme haben, lang und breit in der Öffentlichkeit über sich selbst und ihre Meinungen zu sprechen, während Frauen das oft zutiefst unangenehm ist. Dass Männer sich gerne als Experten präsentieren und selbstbewusst mit Fakten und Wissen um sich schmeißen, während Frauen oft nichts sagen, weil sie denken, sie wüssten nicht genug, oder könnten jemandem mit ihrer Meinung auf die Füße treten. Oder weil es ihnen einfach unangenehm ist, so lange am Stück zu reden und im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Dieser aufschlussreicher Artikel auf Bitchmedia listet verschiedene Situationen auf, die zeigen, wie sehr Männer Frauen verbal in den Hintergrund drängen. Wenn Du mal darauf achtest, wirst Du das an allen möglichen Orten beobachten können. Talkshows, Meetings, Podiumsdiskussionen, Fragerunden nach Vorträgen, in Klassenzimmern, Universitäts-Seminaren, bei politischen Veranstaltungen, und so weiter. Männer reden nicht nur öfter, lauter und selbstbewusster, sondern auch länger. Und je mehr Männer im Raum sind, desto weniger hört man meist von den anwesenden Frauen. Ist das nicht seltsam, obwohl es immer heißt, Frauen würden so viel reden? Wie so oft gibt es verschiedene Studien, die zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Mein Eindruck nach einiger Internetrecherche ist allerdings folgender: ob Männer oder Frauen mehr reden, hängt stark vom Kontext ab. Es scheint so, als ob Frauen im privaten Umfeld gesprächiger sind, einen höheren Gesprächsanteil bei kommunikationsorientierten Fragestellungen im Berufsleben haben und generell kommunikationsintensivere Jobs (in sozialen und serviceorientierten Bereichen) haben. Männer hingegen tendieren dazu, sowohl in richtungsweisenden Situationen im Arbeitsumfeld wie auch im öffentlichen Bereich deutlich mehr verbalen Raum einnehmen.

Was hat das nun mit Deinem Podcast zu tun? Ich bin der Meinung: sehr viel.

Wenn das Problem strukturell ist, muss man dementsprechend auch die Strukturen angehen. Nur der gute Wille hilft nicht weiter.

Justin Trudeau hat kürzlich die Frauenquote in seinem Kabinett in einer Rede angesprochen: Er hat die Erfahrung gemacht, dass, wenn er Männer anspricht, ob sie kandidieren wollen, diese oftmals bereitwillig zustimmen, während die überwältigende Mehrheit der Frauen sagt: „Was, ICH??? Bin ich dazu überhaupt geeignet/qualifiziert/berechtigt?“. Das ist bezeichnend und tritt auch an vielen anderen Stellen zutage. Oft zitiert wird die Studie von Hewlett Packard, die herausfand, dass Frauen sich nur auf Jobs bewerben, wenn sie 100% der geforderten Qualifikationen erfüllen, während Männer sich bereits mit 60% qualifiziert genug fühlen, um sich zu bewerben.

Es sind also nicht die Frauen, die in irgendeiner Weise unfähiger sind als Männer (dazu muss man sich nur mal aktuelle Statistiken von Universitäten anschauen) – aufgrund von Sozialisierung und sozialen Dynamiken unterschätzen sie allzu oft ihre Fähigkeiten und Qualifikationen oder wollen diese nicht zur Schau stellen. Da weiblichen Personen zudem oftmals weniger Respekt entgegengebracht und generell weniger zugetraut wird als männlichen, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich das negativ auf Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen auswirkt.

Trudeau, wie auch andere schlaue Menschen (z.B. hier in Schweden, wo ich lebe), sind zu der Einsicht gekommen: Wenn das Problem strukturell ist, muss man dementsprechend auch die Strukturen angehen. Anders geht es nicht; nur der gute Wille hilft nicht weiter.

Wenn Du also einfach weiterhin relativ randomly Anfragen an Frauen und Männer rausschickst, dann ändert sich, wie Du ja schon festgestellt hast, nichts an den Genderdynamiken Deines Podcasts. Da Du strukturelle Probleme nicht berücksichtigst, sondern 20 Anfragen an Männer und 14 an Frauen verschickst und dann eben die nimmst, die zusagen, ist es für mich nicht besonders erstaunlich, dass Deine Frauenquote so schlecht - heißt: nicht vorhanden - ist. (Außerdem, selbst wenn die Welt nicht so wäre, wie sie ist, sind das ja immer noch mehr als 25% weniger Frauen, die Du anfragst) Du schreibst ja Ich frage nun insofern verstärkt Frauen an, um der hohen Absagefrequenz zu begegnen. Was genau heißt „verstärkt“? Wenn Du wirklich was für die Gleichberechtigung tun möchtest, warum versuchst Du dann nicht mal, einfach nur Frauen anzuschreiben? Wenn Dein Ziel wirklich ist, ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu (re-)präsentieren , dann arbeite so lange und hart daran, bis Du die nächsten acht Folgen mit Gesprächspartnerinnen bestritten hast. Punkt. Wenn man zutiefst verankerte soziale Ungleichheiten beseitigen will, bedeutet das normalerweise einen Haufen Arbeit. Mich erinnert die vorliegende Problematik an gewisse soziale und politische Bewegungen, die komplett von einer weißen Mittelschicht dominiert werden, obwohl sie Toleranz und Inklusivität propagieren. Die Entschuldigung lautet dann „Unser Teil ist getan! Wir haben sie ja mehrfach eingeladen, aber sie kommen einfach nicht!“. Sie hierbei sind all die sozial Benachteiligten, zu deren Besten man ja so gerne handeln möchte (zumindest in der Theorie). Aber damit ist der eigene Teil eben nicht getan. Denn der nächste Schritt ist die Frage: Warum erscheinen sie nicht?

Ist Euch mal der Gedanke gekommen, dass es sich bei dem Podcast eventuell um ein Sendungsformat handelt, das vor allem die demografische Sparte anspricht, der ihr selbst angehört? Weiße, gebildete Männer der urbanen Mittelschicht?

Um das Problem wirklich umfassend anzugehen, solltest Du also auch über das Konzept Deiner Sendung nachdenken. Ohne Frage ist sie hochinteressant und wird scheinbar von den verschiedensten Leuten gerne gehört. Aber gibt es vielleicht Wege, das Problem nicht bei den Frauen zu suchen, sondern bei den oben beschriebenen Strukturen und daraus resultierend auch bei Euch, den Männern und Machern der Sendung? Ist Euch mal der Gedanke gekommen, dass es sich bei dem Podcast eventuell um ein Sendungsformat handelt, das vor allem die demografische Sparte anspricht, der ihr selbst angehört? Weiße, gebildete Männer der urbanen Mittelschicht? Sind es vielleicht nicht Frauen, die „mutiger“ sein sollten, sondern Männer, die nicht erwarten sollten, dass Frauen zu ihren terms&conditions auftreten?

Gäbe es Möglichkeiten, Dir und Deinen Ideen treu zu bleiben und trotzdem nicht von einem einzelnen Individuum zu verlangen, anderthalb Stunden Gesprächszeit zu füllen? Könnte es Gespräche und Themen geben, die einen intimen und zugleich professionellen Charakter haben und dennoch berücksichtigen, dass Frauen Dir als weißem, männlichen Journalisten gegenüber vielleicht nicht so gesprächig und selbstbewusst sind wie sie es mit einer weiblichen Interviewpartnerin wären? Frauen haben nämlich scheinbar keine Probleme, Gesprächstpartnerinnen für ihre Podcasts und Sendungen zu finden. Der oben verlinkte Artikel auf Bitchmedia berichtet von einer Harvardstudie, die herausgefunden hat, dass weibliche Studenten sich bis zu drei Mal häufiger zu Wort melden, wenn die Lehrkraft weiblich ist. bell hooks schreibt in Feminism is for everybody: "Attending an all women's college for a year before I transferred to Stanford University, I knew from firsthand experience the difference in female self-esteem and self-assertion in same-sex classrooms versus those where males were present. At Stanford males ruled the day in every classroom. Females spoke less, took less initiative, and often when they spoke you could hardly hear what they were saying." Diesen Dynamiken entgegenzuwirken erfordert nicht nur, Frauen dazu aufzufordern, sich mehr durchzusetzen, sondern vor allem auch eine weitreichende Bereitschaft von Seiten der Männer, ihren Teil der Verantwortung anzuerkennen und zu übernehmen.

Die gute Nachricht: wenn der erste schwere Anfang geschafft ist, stehen die Chancen gut, dass sich das Ganze verselbständigt. In Dänemark zum Beispiel wurde die Frauenquote für politische Ämter mittlerweile wieder abgeschafft – nach Jahrzehnten von geförderter Geschlechtergleichheit ist diese so tief in der Gesellschaft verankert, dass Quoten (zumindest in der Politik) nicht mehr notwendig sind! Wenn man als Mädchen oder Frau weibliche Vorbilder und Mitstreiterinnen hat, traut man sich auch mehr zu. Man sieht dann: 'Hey, es gibt total viele coole Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Moderatorinnen etc.' und das ist etwas, womit wir uns identifizieren können. Wenn alle wichtigen und prestigeträchtigen Positionen immer nur von selbstbewussten weißen Herren besetzt sind, die im schlimmsten Falle auch noch denken, dass das so ist, weil sie als selbstbewusste weiße Herren einfach am besten qualifiziert sind (und uns Frauen das deutlich spüren lassen), dann ermutigt es einen nicht gerade, dem als Individuum entgegenzutreten.

Wenn Du also in Deinem Podcast vermehrt Frauen interviewst, bin ich überzeugt, dass es auch einfacher werden wird, Zusagen von weiblichen Gesprächspartnern zu bekommen! Das wiederum wird Deine weibliche Hörerschaft erhöhen, was dann vielleicht auch zu mehr weiblichen Interviewpartnerinnen führen kann… Und so weiter.

Ich werde auf jeden Fall gespannt verfolgen, wer der erste weibliche Gast in Deinem Podcast sein wird (und wie viele darauf folgen)!

Beste Grüße,

Ann-Kathrin

Ein interessantes Detail, auf das ich aufmerksam geworden bin, als ich den Email-Entwurf in einen Artikel umgearbeitet habe: Ich habe eine ganze Menge Formulierungen rausgestrichen. Zum Teil Höflichkeitsfloskeln, da sie in diesem Artikelformat überflüssig sind, zum Großteil aber Wörter, Phrasen und Sätze, die meine Ansichten als Vermutungen und subjektive Spekulation dargestellt haben, immer mit einem leicht entschuldigenden Unterton. Etwas, das mir besonders an der Uni häufig auffiel: Studentinnen spicken ihre Redebeiträge sehr oft mit diesen relativierenden und abbmildernden Ausdrücken, während männliche Studenten nur selten Dinge wie "ich glaube", "Das ist jetzt nur meine persönliche Meinung", "ich bin mir nicht ganz sicher" usw. sagen.

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